Vom Comic zum Film – (Re)medialisierungsstrategien und die Konstruktion von Gender im Phänomen Comicverfilmung
Während die Comicforschung in den letzten Jahren sowohl im deutschen als auch im internationalen medienwissenschaftlichen Diskurs zunehmend an Bedeutung gewonnen hat, haben sich nur wenige wissenschaftliche Werke mit der intermedialen Beziehung der beiden Medien Comic und Film auseinander gesetzt. Betrachtet man den aktuellen Stand der Forschungsliteratur, wird deutlich, dass sich die wenigen Werke, die sich (ausschließlich) mit dem Phänomen Comicverfilmung beschäftigen, in der Regel damit begnügen, ihren Lesern einen historischen Überblick über die Entwicklung von Comicverfilmungen zu liefern bzw. die Wechselbeziehung der beiden Medien Comic und Film zu untersuchen, ohne eine treffende Antwort auf die Frage zu geben, was eine Comicverfilmung überhaupt erst zu einer Comicverfilmung macht. Darüber hinaus beschäftigt sich der Großteil der vorhandenen Literatur vornehmlich mit Verfilmungen aus dem Superhelden-Genre. Doch nicht nur Superhelden finden immer öfter den Weg vom Comic-Heft bzw. -Buch zur Filmleinwand. Im Jahr 2001 landete der Regisseur Terry Zwighoff mit der Verfilmung von Daniel Clowes Graphic Novel Ghost World einen Überraschungserfolg. Mit Road to Perdition (USA 2002, Sam Mendes), A History of Violence (USA 2005, David Cronenberg) oder Constantine (USA/D 2005, Francis Lawrence) folgten noch weitere Comicverfilmungen, die nicht dem Superhelden-Genre zugeordnet werden können.
Neben mangelnder Definitionsversuche und der gängigen Beschränkung auf Verfilmungen aus dem Superhelden-Genre wird in der vorhandenen Forschungsliteratur die Frage nach der Repräsentation von Gender in Comicverfilmungen meist nur beiläufig oder überhaupt nicht behandelt. In den seltenen Fällen, in denen der Gender-Frage Beachtung geschenkt wird, wird in der Regel davon ausgegangen, dass die Repräsentation von Gender im Comic bzw. in Comicverfilmungen von Gender-Stereotypen geprägt ist, die sich vor allem im Superhelden-Genre vorfinden lassen. Infolgedessen haben Comicverfilmungen, genau wie z.B. der Horrorfilm, mit dem Vorwurf zu kämpfen, dass sie ihren Zuschauern ein ganz bestimmtes stereotypes Männlichkeits- bzw. Weiblichkeitsbild präsentieren. Bereits dieser kurze Überblick verdeutlicht, dass innerhalb des wissenschaftlichen Diskurses nicht nur in Bezug auf das Medium Comicverfilmung, sondern insbesondere im Hinblick auf die mediale Konstruktion von Geschlecht in Comicverfilmungen erheblicher Forschungsbedarf besteht.
Ziel der hier vorgestellten Arbeit ist es, die durch den Prozess der Remedialisierung beschriebene Performativität der Medien in einen direkten Zusammenhang mit der Repräsentation von Gender in Comicverfilmungen zu bringen. Innerhalb der Gender- und Queer Studies wird der Begriff der Performativität als gesellschaftlich sanktionierte Aufführung bzw. Wiederholung geschlechtlicher Identitäten verstanden (vgl. Seier 2005, 6). Geht man nun – dem aktuellen Forschungsstand folgend – von der wechselseitigen, diskursiven Hervorbringung von Gender und Medien aus (vgl. Seier 2006, 83), so stellt sich die Frage, wie die beiden Medien Comic und Film sich im Falle einer Comicverfilmung generieren und was dies für Auswirkungen auf die mediale Inszenierung von Gender hat. Lässt sich überhaupt eine allgemein gültige Aussage über die Repräsentation von Gender im Medium Comic bzw. in Comicverfilmungen formulieren? Wenn ja, wodurch zeichnet sich diese aus? Ist diese Repräsentation in erster Linie von Gender-Stereotypen durchzogen oder ist hier subversives Potential vorzufinden? Und welche Rolle übernimmt hierbei die Technik? Anders formuliert: Wie verändert bzw. beeinflusst die mediale Präsentationsform die Repräsentation von Gender?